Der Senn steckt sich den kleinen Finger ins Ohr. So hört er als Vorzaurer im Kreis der Sänger, ob er rein singt und sich nicht von seinen Mitzauernden und ihren Zäuerli oder Rugguusseli in unterschiedlichen Tonlagen verwirren lässt. Die eigenartige Geste, die verschiedentlich von Bauernmalern dargestellt wurde – so auch in der beigezogenen Vorlage auf dem Fahreimerbödeli «Conrad Zellweger 1804» aus der Sammlung Bruno Bischofberger – ist ein treffendes Bild für die Selbstwahrnehmung im Verbund mit äusserem Geschehen. Sich selber von Innen her hören ist nötig, um die Welt draussen aufzunehmen, Klänge zu erkunden, um zu tönen, nachzuhallen. Um Introspektion und ihre Sichtbarmachung geht es auch im Ausstellungsprojekt «för hitz ond brand».

Die Museumslandschaft im Kanton Appenzell Ausserrhoden konzentriert sich auf historisch-ethnologische Bereiche. Die verschiedenen Sammlungen sind in zahlreichen Häusern verteilt. Ein Ort für zeitgenössische Kunst fehlt.
Ausgehend von dieser besonderen Situation erarbeitet die Gruppe Kunst und Architektur der Ausserrhodischen Kulturstiftung ein Ausstellungskonzept, das die bestehenden musealen Infrastrukturen für temporäre Interventionen zeitgenössischer Kunst nutzt.

Eine Museumssammlung ist ein über die Jahrzehnte hinweg gewachsenes und unterschiedlich zielstrebig aufgebautes Konglomerat an historischen, wirtschaftlichen, soziologischen, personellen Informationsmaterialien. Das Sammelgut der Museen im Appenzellerland reicht von ausgesprochen Regionalem bis weitreichend Globalem, von Kuriositäten bis Kostbarkeiten, vom Torkel zum Palästinaforscher, von Fahnen des Schützenvereins zum Leoparden aus Afrika, vom privaten Himmelbett zur Brücke von Weltformat.

Für das Projekt «för hitz ond brand» werden Museen mit einem besonderen historischen Gedächtnis ausgewählt, an welches die eingeladenen Künstlerinnen und Künstler andocken können.
Durch die Erarbeitung spezifischer Werke im Hinblick auf eine jeweilige Sammlungseigenheit kann die scheinbar abgeschlossene geschichtliche Setzung im Museum aktiviert und in neue Dialoge gebracht werden. Sammlungsstücke und zeitgenössische Kunstwerke begegnen sich mit unterschiedlichen geistigen Ambitionen und ästhetischen Vorstellungen und rücken sich gegenseitig in ein anderes Licht. Geschichte kommt in Fahrt. Fahrtrichtungen ändern sich.
Der Aspekt des engagierten Richtungswechsels, der Aktualisierung, des Feuerlegens, der akuten Aufbereitung von Erinnerungsstücken soll im beinah englisch-international anmutenden Begriff «för hitz ond brand» zum Ausdruck gebracht werden. Die Bezeichnung einer alten und bis heute gängigen Heilmethode aus dem Innerrhodischen, die unter anderem bei Vergesslichkeit, Heimweh, Warzen, Fieber und Liebeskummer eingesetzt wird, berührt in assoziativen Schwingungen den Spannungsbogen des Projektes zwischen Stubenhockerei und Sternfahrt.

 

FÖR HITZ OND BRAND: DAS PROJEKT
ROLAND INAUEN: FÖR HITZ OND BRAND

 

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